Giulia Conti

Lago Mortale

Ein Piemont-Krimi

 

Der erste Fall für Simon Strasser

 

Inmitten der flirrenden Augusthitze träumt der ehemalige Polizeireporter Simon Strasser von nichts weiter als einem erfrischenden Bad im Lago d’Orta und einem Regenschauer. Doch dann entdeckt er auf einer herrenlosen Yacht die Leiche eines einflussreichen Fabrikantensohns. Simons alte Instinkte sind geweckt, doch an diesem beschaulichen See scheint jeder ein Geheimnis zu haben – das um jeden Preis gewahrt werden muss.

Giulia Conti

Lago Mortale

Ein Piemont-Krimi – Atlantik Verlag

288 Seiten, Klappenbroschur

€16,-[D]/ € 16,50[A].

ISBN 978-3-455-00546-2

Erscheint am 05. März 2019

Si muore di caldo

Noch nie hatte Simon eine solche Hitze an seinem See erlebt. Der August war immer sehr heiß, auch wenn man hier noch in Alpennähe war, der gewaltige Monte Rosa in Sichtweite. Aber dieser Sommer war doch ungewöhnlich. Seit Monaten hatte es nicht geregnet, und es wurde von Tag zu Tag heißer. „Si muore di caldo“, man stirbt vor Hitze, sagten die Leute im Dorf, die in Wetterdingen eigentlich nicht zimperlich waren, denn wer hier lebte, kannte eiskalte Wintertage, Regenfluten, wilde Stürme, Hochwasser und tropische Temperaturen. Manchmal bauten sich finstere Wolkenberge über den grünen Hügeln rund um den See auf, um jäh wieder zu verschwinden und der Sonne Platz zu machen; ganz plötzlich brachen Stürme aus, prasselten Regenschauer oder gar Hagel nieder. 

Lago Mortale

Kleine Kostproben

Es tat einen lauten Knall

 

Für einen Moment hatte der Wind aufgefrischt, eine Bö war in die Segel gefahren, und der Baum mit dem Großsegel mit Wucht auf die andere Seite geschlagen. Simon paddelte jetzt nicht mehr, ließ das Kajak gemächlich auf die Yacht zutreiben, zögerte. Sollte er sie wirklich betreten? Was ging ihn das an? In was mischte er sich da ein? Wie immer siegte seine Neugier. 

Er machte noch ein paar leichte Schläge mit dem Paddel, dann hatte er das Segelboot erreicht und legte vorsichtig seitlich an. Es knirschte und rumorte. War da doch jemand auf dem Boot, der ihm nicht antwortete? Simon spitzte die Ohren und wanderte mit den Augen an der Bordwand entlang. Nichts zu sehen. Er riss sich am Riemen, so leicht verlor er üblicherweise nicht die Nerven, und als Segler waren ihm die Geräusche der Wanten und Schoten doch eigentlich vertraut. Er gab sich einen Ruck, vertäute sein Kajak an der Reling und schwang sich in die Yacht. 

Der erste Schritt ins Boot brachte ihn zu Fall. Er war auf dem feuchten Deck ausgerutscht, fiel der Länge nach hin und stieß sich dabei heftig mit dem Knöchel. Einen Moment blieb er liegen, dann rappelte er sich schnell wieder auf. Er musste die Situation im Griff behalten. Noch etwas benommen von dem Sturz setzte er sich auf. Sein Fuß tat weh, und er rieb sich den Knöchel. Der Schmerz ließ schnell nach, und er zog seine Hand zurück. Blut. Seine Finger waren blutverschmiert. Das konnte nicht sein Blut sein. So heftig war der Stoß gegen seinen Knöchel nicht gewesen. Woher kam es?  Simon blickte nach unten. Er war nicht auf nassem Boden, sondern in einer Blutlache ausgerutscht. 

Hoch gewachsene Palmen,

rosa und blaue Hortensien

 

In Pella, an der Südspitze des Sees, passierten sie in Gozzano die riesigen Bemberg-Fabrikanlagen. Das Unternehmen war vor einigen Jahren in Konkurs gegangen, die Gebäude standen seither leer und verrotteten zusehends. An einer der verwitterten Industriehallen war noch der Schriftzug Ortalionzu lesen. Unter diesem Namen hatte die Bembergvor fast hundert Jahren begonnen, Kunstseide zu produzieren, aus der dann Damenstrümpfe wurden. Tausende Arbeitsplätze waren mit dem Werk in die damals darbende Region gekommen, aber den See hatten seine Chemieabfälle verseucht, für lange Zeit. Und viele Metallbetriebe hatten es der Bembergspäter nachgetan. Kaum zu glauben, dass der See sich wieder hatte regenerieren können, dachte Simon immer wieder.

Auf der östlichen Seeseite angekommen, fuhren sie in eine andere, glanzvollere Welt. Hoch gewachsene Palmen, rosa und blaue Hortensien, Oleander und Magnolien, hier und da auch Bananen, säumten die in sanften Kurven entlang des Sees verlaufende Straße; immer sah man auf das Wasser. Hinter der üppigen Vegetation und hohen Mauern versteckten sich herrschaftliche Anwesen, Palazzi mit oft sehr großen Parks. Mächtige Zedern, vor mehr als hundert Jahren nach Europa verschifft, zeugten vom Reichtum der früheren Besitzer und von ihrem generösen Zeitbegriff, der über ihr eigenes, kurzes Menschenleben weit hinausgereicht hatte.