Tödliche Algen – Die tabuisierte Geschichte hinter der grünen Algenplage




Drei Jahre lang lebte die Journalistin Inès Léraud in Maël-Pestivien, einem kleinen Dorf in der Nähe von Guingamp und hat hier vor allem in der bretonischen Landwirtschaft und im Agribusiness gearbeitet. Nach dreijähriger Recherche und gemeinsam mit dem Karikaturisten Pierre Van Hove veröffentlicht sie nun den Comic Grüne Algen, verbotene Geschichte und taucht tief in die bretonische Landwirtschaft und die Agrarindustrie ein, die für zahlreiche mysteriöse Todesfälle mitverantwortlich sein sollen.

In einem Interview mit der Tageszeitung Le Telegramme (hier in Auszügen zitiert) äußert sie sich zu ihrem Projekt:


Warum ist die Geschichte, die Sie in diesem Buch erzählen, offiziell tabuisiert?

Die Landwirtschaft und ihre Institutionen, die Präfektur und der Regionalrat sagen nicht die ganze Wahrheit über die Ursachen der grünen Algenplage und ihren Folgen wie die zahlreicher Todesfälle. In Paris und auch anderswo scheint die Verbindung zwischen Grünalgen und intensiver Landwirtschaft angekommen zu sein. Aber als ich 2016 anfing, mich mit diesem Thema für France Culturezu befassen, wurde mir klar, dass diese Verbindung in der Bretagne immer noch tabu ist.

Nehmen Sie den wissenschaftlichen Kontext: Ein Mitarbeiter des staatlichen Forschungsinstitutes IFREMERwurde zum Beispiel von einer öffentlichen Stelle unter Druck gesetzt, weil er am Mikrofon mit mir gesprochen hatte. Eine Arbeit eines Forschers der INRA wurde vom Regionalrat zensiert. Er war zu dem Schluss gekommen, dass die offizielle Strategie zur Bekämpfung der Grünalgen nicht wirklich an den Ursachen ansetzt.

Einen großen Teil unserer Recherchen haben wir den menschlichen und tierischen Opfern der grünen Algeninvasion gewidmet. Die Behörden wollen die Grünalgen als Verursacher einfach nicht wahrhaben. So wurden in vielen Fällen Beweise für immer zerstört. Bei den Todesopfern wurden innerhalb eines angemessenen Zeitraums weder eine Blutuntersuchung noch eine Autopsie durchgeführt, um Schwefelwasserstoff (giftiges Gas, das durch die Zersetzung von Algen entsteht, Anmerkung der Redaktion) nachzuweisen.

Nach dem Tod von Thierry Morfoisse im Jahr 2009 in Binic wurden die wiederholten Warnungen des Notfallarztes Pierre Philippe aus Lannion in den Wind geschlagen. Der Körper eines Joggers, der im Jahre 2016 in Hillion in einem für seine Gefährlichkeit bekannten Wattenmeer zu Tode kam, wurde nicht weiter untersucht. Obwohl hier zuvor schon 36 Wildschweine verendet waren, wurden keine Analysen durchgeführt. Ich habe zwei Hypothesen für dieses Verhalten: Entweder sind die bretonischen Behörden zu nachlässig oder die Grundregeln zum Nachweis von Schwefelwasserstoff werden freiwillig nicht angewendet.


Sind denn nicht auch bei einer intensiven Landwirtschaft auch die Landwirte für die grüne Algeninvasion mitverantwortlich?

Zu sagen, dass Landwirte Umweltverschmutzer sind, macht für mich keinen Sinn. Kann man Arbeiter in einer Fabrik beschuldigen, für die Umweltschäden der Produktion mitverantwortlich zu sein? Heute ist die überwiegende Mehrheit der Landwirte nicht unabhängig. Alles wird von ihrer Genossenschaft oder den Agrarunternehmen vorgeschrieben: Die Auswahl der Tiere, die Nahrungsmittel und Gebäude, manchmal sogar die der Drogen und Medikamente, um den Verkaufspreis der Waren zu beeinflussen.


Die Pläne der Regierung zur Bekämpfung der Grünalgen lösen das Problem nicht?

Von Anfang an wurden diese Pläne von Wissenschaftlern kritisiert, weil sie nicht weit genug gehen. Quellen im Umweltministerium sagten mir, dass diese Wissenschaftler hätten in einem ersten Schritt Empfehlungen die Reduzierung von Herden empfohlen. Aber nach den Debatten im Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft haben sich andere Maßnahmen wie die anaerobe Vergärung durchgesetzt. Diese Verfahren, Abfälle wie Tiermist in Biogas umzuwandeln, wurden von den Unternehmen zur Abfallentsorgung priorisiert. Aber alle wissen, dass sich so nicht die Nitratbelastungen reduzieren lassen.


Das Buch

Grüne Algen, die verbotene Geschichte,

von Inès Léraud und Pierre Van Hove,

Ein Comic – im Verlag Delcourt.

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