Geschmack nach Meer? – Bretonische Austern aus Hochsicherheits-Laboren


Austernbänke Cancale, Bretagne

Eine Vorwarnung:

Austernliebhaber und Gourmets, die weiterhin lustvoll und sorgenfrei genießen möchten, sollten hier aufhören zu lesen. Diese Zeilen könnten Ihnen nämlich die Lust auf die verehrten Meeresköstlich-keiten verderben.


Austern der vier Jahreszeiten

50 Prozent der in der Bretagne aufgezogenen Austern stammen mittlerweile nicht mehr aus den nährstoffreichen Gezeitenzonen des Atlantiks, sondern aus Hochsicherheitslaboren des staatlichen Forschungsinstituts IFREMER. Was kaum jemand weiß: Auch in der Austernproduktion hat längst die Wissenschaftslogik industrieller Nahrungsmittelproduktion Einzug gehalten. Die bretonische Auster ist kein Tier mehr, wie das Meer es wachsen lässt. Seit den 1990 er Jahren züchtet nämlich das Forschungsinstitut IFREMER genetisch veränderte Austernlarven, die es dann zur weiteren Züchtung bis zur Marktreife an die Austernbauern der Region verkauft. Weil sich bisher für manipulierte Austern keine offizielle Kennzeichnungspflicht politisch durchsetzen ließ, wissen nur wenige Austernliebhaber, dass sie von ihren Tellern Austern aus Biotech-Laboren verspeisen.

Die biotechnologisch veränderte Auster kam vor zwei Jahrzehnten mit schlagenden Argumenten auf den Markt. Das Versprechen: Das moderne Tier werde künftig in einer vereinheitlichten Form, mit einem höheren Fleischanteil, in gefälliger Farbe und mit einem schnellen Wachstum an die Konsumenten geliefert werden können. Und auch die Krankheitsresistenz sei deutlich größer. Für ihre Entwicklung zur Marktreife benötige diese zudem fortpflanzungsunfähige Auster nur noch zwei anstelle von durchschnittlich drei Jahren. Damit seien auch die Zeiten vorbei, in denen die Schalentiere nur in den Monaten mit »r«, von September bis April, auf den Markt kommen können. Nicht manipulierte Austern zeigen sich in den Sommermonaten nämlich fortpflanzungsbereit, was viele Konsumenten geschmacklich nicht besonders schätzen. Die sterilen huîtres des quatre saisons, die Austern der vier Jahreszeiten, wie die im Labor veränderten Exemplare auch heißen, könnten das gesamte Jahr über in den Verkauf kommen.

Austernproduktion Bretagne

Richtungsweisendes Urteil

Seit der Markteinführung der Laborauster ist in der Bretagne ein fachlicher und politischer Streit über die Folgen und die Tragweite eines solchen Freiwasserversuchs mit genetisch manipulierten Meerestieren in vollem Gange. Aktuell sind nun vier bretonische Züchter vor Gericht gezogen. In ihrer Klageschrift auf Schadensersatz werfen die Austernwirte dem Forschungsinstitut IFREMER fünf entscheidende Fehler vor: mangelnde medizinische Behandlung und Diagnose der Virusinfektionen in den Austernbeständen; keine hinreichende sanitäre Überwachung der Meeresumwelt; Nachlässigkeit in Hinblick auf hygienische Prophylaxe; Mängel in der Informationen der Austernindustrie in Hinblick auf die Risikoprävention; mangelnde Kontrolle der genetisch manipulierten Brut in der Larvenproduktion. Nun hat das Verwaltungsgericht in Rennes in der Bretagne ein richtungsweisendes Urteil gesprochen und die Klage der Austernproduzenten abgewiesen. Für die Kollateralschäden in der Austernzucht mit genetisch veränderten Austern sei dem IFREMER kein Vorwurf zu machen.


Drei Chromosomenstränge

Für diejenigen, die einen sehr komplexen Zusammenhangs besser verstehen wollen, hier ein Blick zurück: 1920, 1970, 1980, 1990 – vier große Bakterien- und Virenepidemien treiben viele Austernzuchten in den Ruin. Die Wissenschaft hält jedoch für die gebeutelten Züchter einen Ausweg bereit: Ende der 1980 er-Jahre stellen ihnen die Forscher des Meeresforschungsinstituts IFREMER in Aussicht, eine bio-technologische Innovation könne die Erkrankungen der Austern künftig eindämmen und entstandene wirtschaftliche Schäden kompensieren. Das IFREMER beginnt in den 1980er-Jahren damit, genetisch modifizierte Eier- und Samenzellen, sogenannte triploïdes, im Labor herzustellen, um sie zur weiteren Aufzucht an private Aufzuchtlabore zu liefern. Dies alles geschieht unter strengen staatlichen Kontrollen und einem enormen Sicherheitsaufwand. Die Wissenschaftler kreuzen dazu natürliche Exemplare, die zwei Chromosomensätze besitzen, mit tetraploiden Exemplaren, die über vier davon verfügen. Das Ergebnis sind triploide Austern: Muscheln mit drei Chromosomensträngen.

Viele Austernproduzenten begegnen dieser Entwicklung zunächst mit Skepsis. Als dann aber die triploïdes mit ihren geschmacklichen Eigenschaften auf dem Salon de l’Agriculture die Goldmedaillen abräumen, stellen doch viele Züchter um. Auch das gute und schnelle Wachstum, weniger Arbeit beim Umsiedeln in immer neue Taschen und der mögliche Verkauf über das ganze Jahr sind überzeugende Argumente. 50 Prozent der in Frankreich aufgezogenen Austern haben mittlerweile ihre Kinderstube in den Laboren von IFREMER. Und der Streit zwischen den Züchtern natürlicher Austern und den Produzenten von genetisch manipulierten Tieren geht in der Bretagne weiter. Weil die Versprechen der Wissenschaftler nicht aufgegangen sind. Das Urteil des Verwaltungsgerichts in Rennes macht deutlich, dass mit juristischen Mitteln den Risiken und Nebenwirkungen der Laborauster nicht beizukommen ist.


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